Thilo Bode
Seit 2002 kämpft Thilo Bode mit der Verbraucherrechtsorganisation
foodwatch dafür, dass alle wissen, was in ihren Einkaufswagen und auf
ihren Teller kommt. Als Gründer und Geschäftsführer von foodwatch
entscheidet er zusammen mit dem Kampagnenleiter über die inhaltliche
Ausrichtung der Arbeit, kümmert sich um die Finanzierung und geht mit
den foodwatch-Themen an die Öffentlichkeit - ob bei Medienauftritten,
Vorträgen oder mit seinem Buch "Abgespeist. Wie wir beim Essen betrogen
werden und was wir dagegen tun können." In dem Buch, das am 23. Oktober
2007 erschienen ist, rollt Thilo Bode die politischen Hintergründe von
Lebensmittelskandalen und die Mechanismen des Lebensmittelmarktes auf.
Bekannt
wurde Thilo Bode vor allem durch seine Arbeit für Greenpeace und deren
Aktionen in den 90er Jahren. Von 1989 an leitete er für insgesamt 12
Jahre zunächst Greenpeace Deutschland, dann Greenpeace International.
Die spektakulärste Kampagne während dieser Zeit war sicherlich der
Kampf gegen die Versenkung der Bohrinsel "Brent Spar" in der Nordsee.
In Peking protestierte Thilo Bode auf dem Platz des Himmlischen
Friedens gegen Atomwaffen-Tests und wanderte dafür kurzzeitig ins
Gefängnis. Für seine Verdienste um den Umweltschutz bekam er im Jahr
2001 das Bundesverdienstkreuz.
Interview Thilo Bode, 23.09.2009, BruttoSozialPreis 2009
F1: Herr Bode, als sie noch Chef von Greenpeace waren, hatte
die Umweltschutzorganisation ein Monopol auf spektakuläre
Medienaktionen. Was muss Hilfsorganisation heute tun, um die
Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen?
Schlauchboote
und Ketten allein helfen ihnen nicht. Nur wenn man einen Nerv in der
Gesellschaft trifft, wird man auch wahrgenommen. Das zehnte
Abseilmanöver ist eben langweilig, wenn es inhaltlich keine neuen
Impulse gibt.
F2: Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang heutzutage Marketing für eine Non-Profit-Organisation?
Marketing
für Non-Profits hat oft einen negativen Beigeschmack. Dabei heißt gutes
Marketing zunächst einfach, komplizierte Botschaften verständlich zu
machen: Der Bürger soll auf den ersten Blick erkennen, warum er das
Anliegen der Organisation XY unterstützen sollte. Anders als im
Profit-Bereich muss man beim Marketing für Non-Profits ohne große
Finanzmittel die Herzen der Menschen gewinnen, denn man hat keine
Millionen schweren Etats zur Verfügung. Aber dieser Mangel ist zugleich
ein notwendiges Korrektiv, denn nur wenn die Menschen wirklich voll
hinter einer Organisation stehen, bekommt sie auch deren Unterstützung.
F3: Was ist der Unterschied zwischen klassischem Marketing und Sozialmarketing?
Wenn
eine Organisation mit einer klassischen Werbeagentur zusammenarbeitet,
kommt nichts dabei raus, denn die macht klassisches Marketing, führt
Umfragen durch und bringt dann ihr Produkt auf den Markt. Beim
Sozialmarketing muss man ein Feingefühl dafür entwickeln, was die
Menschen bewegt. Und das ist etwas anderes, als die Entscheidung zu
beeinflussen: „Soll ich mir lieber einen Polo kaufen oder einen Smart.“
Der Unterschied ist die Glaubwürdigkeit. Jeder Bürger weiß heute, dass
er der Werbung nicht hundertprozentig vertrauen kann, deshalb würde er
industrielles Marketing für Ziele des Allgemeinwohls nicht akzeptieren.
F4: Wie steht es um das Sozialmarketing in Deutschland?
Als
ich bei Greenpeace anfing waren die meisten von uns Quereinsteiger, den
Begriff Sozialmarketing gab es noch nicht. Und natürlich auch keinen
entsprechenden Studiengang. Das hat sich mittlerweile geändert, aber
trotzdem sind die meisten deutschen Organisationen beim Thema
Sozialmarketing noch im Aufbau, um es mal milde zu sagen. Ich möchte
keine Namen nennen, aber viele Non-Profit-Organisationen in Deutschland
machen ein erbärmliches Marketing. Deutschland ist in diesem Bereich
ein Entwicklungsland. Abgesehen von den angelsächsischen Ländern, wo
die ersten Non-Profits auch ihren Ursprung haben, ist meiner Meinung
nach die Situation sogar in der Schweiz und in Österreich besser. Ich
weiß, dass es in Deutschland einen unglaublichen Bedarf für gutes
Sozialmarketing gibt. Und alles, was man tut um das zu befördern ist
gut für die Demokratie.
F5: Können Sie uns ein Beispiel geben?
Wenn
sie in Amerika zu irgendeiner kleinen NGO kommen, haben die alle
unheimlich professionelle Fundraiser, von Celebrity-Marketing,
Mailings, Anzeigen und Telefonmarketing – da ist alles abgedeckt. Das
ist hier überhaupt nicht so. Die guten Leute im Sozialmarketing in
Deutschland sind bekannt und die können sie an einer Hand abzählen. Wir
bei Foodwatch haben inzwischen unseren eigenen Marketingbereich
aufgebaut. Unsere Marketingdirektorin kommt von einer klassischen
Agentur und hat sich in das neue Themenfeld eingearbeitet. Zwei
Ausschreibungen für Sozialmarketing, die wir zuvor gemacht haben, waren
erfolglos geblieben. Die entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten sind
zwar inzwischen vorhanden und auch an Interesse fehlt es nicht, aber an
der Umsetzung durch die Organisationen hapert es vielfach noch.
F6: Was kann der BruttoSozialPreis für die Weiterentwicklung deutscher Non-Profits tun?
Eine
Menge! Denn der Wettbewerb unterstreicht die wachsende Bedeutung von
Sozialmarketing für Non-Profit-Organisationen. Sie sollen sehen: Darum
müssen wir uns kümmern, wenn wir auch morgen noch mitmischen wollen.
Der BruttoSozialPreis lenkt nicht nur den Focus auf diesen Bereich, er
hilft auch ganz praktisch: Hier treffen sich die
Sozialmarketing-Experten von morgen, er ist die wichtigste Plattform
für den Austausch zwischen engagierten Studenten und
Non-Profit-Organisationen. Wo sonst finden Non-Profits eine solche
Fülle von Ideen und interessierten jungen Menschen?
F7: Werden Sie auch an der Preisverleihung am 12. Dezember in Berlin teilnehmen?
Selbstverständlich. Ich bin gespannt auf die Ideen und Entwürfe der Teilnehmer.
Herr Bode, wir danken für das Gespräch.
Das Interview führten Frank Brenner und Johannes Schrader für den BruttoSozialPreis 2009